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My-Nutri-Diary App

 

Bei unserem 4. Sprint an der Qcademy gab es eine spannende Aufgabe für uns. Denn zum ersten Mal wurden wir auf ein reales Projekt losgelassen und konnten somit die Herangehensweise des Softwaretestens zumindest im kleinen Maßstab direkt herausfinden.

Bei diesem Projekt handelt es sich um eine mobile App eines Start-ups, welches sich mit den Themen Gesundheit und Fitness durch Ernährung auszeichnet.

Informationen über die App

Unsere erste Aufgabe bestand darin, vorab möglichst viele Informationen über die App zu finden, um sich einen Überblick zu verschaffen, worum es sich hierbei handelt.

Das Produkt verspricht, dass es 100 % kostenfrei ist, einem beim Erstellen von Ernährungsplänen — mithilfe eines Ernährungstagebuchs — hilft, einen Aktivitätsplaner inklusive Fitnesstagebuch und einen Diätrechner beinhaltet und dabei den Datenschutz in Deutschland einhält.

Der Nutzer kann die individuelle Ernährung aufzeichnen und dabei werden alle relevanten Parameter, wie Kalorien, Makronährstoffe und vieles mehr angezeigt. Dabei hilfreich ist auch ein Barcodescanner, mit dessen Hilfe man ein Ernährungsprodukt scannen und dieses aus einer Ernährungsdatenbank mit ca. 2 Millionen Produkten in 60 verschiedenen Sprachen übernehmen kann. Ebenso kann die tägliche Flüssigkeitsaufnahme erhoben werden.

Die körperlichen Veränderungen, wie Körpergewicht und Körperfettgehalt, werden dokumentiert und können im Zusammenspiel mit dem Ernährungs- und Trainingsverhalten bewertet und statistisch visualisiert werden. Es wird damit geworben, dass man dadurch seinen Stoffwechsel besser kennenlernt, detaillierte Einblicke in die Erfolge bzw. Schwachstellen der eigenen Diät erhält und somit den Trainings- und Ernährungsplan schrittweise optimieren kann.

Dabei kann die App folgende Anwendungen integrieren: Google Fit, Apple Health, Garmin Connect und eine Atemketon-Messung.

Die App benötigt für den vollen Funktionsumfang Berechtigungen für die Kamera, Mikrofon, Speicher und noch ein paar mehr.

Bei Android ist folgendes Betriebssystem erforderlich: Android 5.0 oder höher bei Version 1.6.27.

Die App wird in den Sprachen Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch und Chinesisch (traditionell und vereinfacht) angeboten.

Über die User-Erfahrungen konnte ich nicht viel in Erfahrung bringen, da es noch nicht viele Bewertungen dieser App gibt. Bei den Bewertungen, die ich finden konnte, wurden vor allem die gute Übersichtlichkeit, die vielen Features und die intuitive Bedienung hervorgehoben.

Die erste Entdeckung der App ⇨ Tours

 Nachdem ich nun generelle Informationen über die App gesammelt hatte, bestand die nächste Aufgabe darin, die App herunterzuladen und eine Tour zu machen und diese in Form einer Mindmap festzuhalten.

Ich entschied mich dabei dafür, möglichst alle Funktionen dieser App abzubilden und daher eine Functions-Tour gemacht (Abbildung 1).

Abbildung 1

Bei einer Functions-Tour sieht man sich als Tester alle Funktionen einer Anwendung an (Suchfunktionen, Filtern, Sortieren, Kategorien, …). Dabei ist eine Mindmap sehr hilfreich, um einen Überblick zu bekommen und zu bestimmen, worauf der Fokus beim Testen gelegt werden soll. Dadurch kann man auch gut die bereits erfolgte Testabdeckung feststellen.

Hierbei bin ich besonders detailliert auf das Hauptmenü am Startbildschirm der App eingegangen und habe versucht alle Unterteilungen darin aufzuzeichnen (Abbildung 2).

Abbildung 2

Beim Menü, welches über das Burger-Icon ausgewählt werden kann, habe ich mich auf die zwei Hauptpunkte “Daten und Statistiken” und “Planung – Ernährungs- und Aktivitätsziele” konzentriert und die anderen Menüpunkte ohne detailreiche Ausführungen in den Untermenüs in der Mindmap gezeichnet (Abbildung 3).

Abbildung 3

Und auch die zwei Bereiche im Menü auf der Hauptseite ganz unten “Tropfen-Symbol” und “Kamera-Symbol” habe ich in der Mindmap festgehalten (Abbildung 4).

Abbildung 4

Wie testet man eigentlich eine App – Workshop Mobile Testing

Da wir bisher nur Webanwendungen getestet haben und noch keine Erfahrungen diesbezüglich im Bereich von App-Anwendungen hatten, gab es einen Workshop zum Thema Mobile Testing.

Dabei wurden von den Teilnehmern, unter Anleitung der Coaches, das Thema im allgemeinen, aber auch speziell für die App My-Nutri-Diary erarbeitet.

 

Schwerpunkt My-Nutri-Diary App

Zuerst wurde erarbeitet, welche Zielgruppen diese App ansprechen soll. Dabei kamen wir zu folgendem Ergebnis:

  • Personen, die fit werden wollen und denen Gesundheit sehr wichtig ist
  • Personen, die abnehmen wollen
  • Personen in Europa, China, APEC-Staaten sowie Nord- und Südamerika
  • Alter 20-60 Jahre (berufstätige Erwachsene)

Danach wurde allein durch die Teilnehmer schon festgestellt, dass die Geräte, die zur Nutzung der App infrage kommen, sehr vielseitig sind. Dies stellt die Tester dann natürlich vor Herausforderungen, da speziell bei Android jeder Smartphone-Hersteller das Betriebssystem etwas umbaut. Da die Tester jedoch nicht die ganze Bandbreite dieser Geräte testen können, ist es sehr wichtig, die Zielgruppe genau zu definieren und dann herausfinden, welche Geräte die meisten Personen dieser Zielgruppen nutzen.

 

Schwerpunkt Mobile Testing allgemein

Mobile Geräte werden in sehr vielen unterschiedlichen Situationen und Umgebungen genutzt und haben daher entsprechend sehr spezielle und vielfältige Anforderungen, die auch beim Testen der Apps berücksichtigt werden müssen.

Wir haben im Workshop folgende Bereiche definiert und ich möchte diese hier in verkürzter Form darstellen:

  • Unterschiedliche Einsatzorte
    • Netzwerkverbindungen (Schnelligkeit, von Mobile Daten zu WLAN oder umgekehrt)
    • Offline-Nutzung
    • Datenverbrauch
    • Akkuverbrauch
  • Wie wird das Mobilgerät genutzt?
    • Spracherkennung
    • Portrait- / Landscapemode
    • Dark- / Lightmode
    • Unterbrechungen (Anrufe / Nachrichten / Wecker / Kalender …)
    • Background / Foreground (wie verhält sich die App, wenn sie im Hintergrund läuft, usw.)
  • Welche Sensoren besitzen Smartphones (My-Nutri-Diary App nutzt die Sensoren, die mit einem Stern markiert sind)
    • GPS
    • Mikrofon*
    • Kamera*
    • Aktivitätssensor*
    • Näherungssensor (Bei Anruf Handy ans Ohr wird erkannt)
    • Fingerprint
    • Gesichtserkennung / Infrarotsensor
    • Rotation (Gyroskop)
    • Kompass (Magnetometer)
    • Beschleunigungssensor*
  • Welche Berechtigungen gibt es für Mobile Apps
    • Kamera
    • Zugriff auf Dateien
    • Kalender
    • Anrufe
    • Kontakte
    • Standort 
    • Mikrofon
    • Speicher

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll nur veranschaulichen, wie vielfältig die Möglichkeiten bei mobilen Anwendungen sind.

Zum Abschluss haben wir noch einige Punkte erarbeitet, welche wir aus dem Workshop speziell für die Testung der My-Nutri-Diary App nutzen können. Dabei ist folgende Auflistung entstanden:

  • Definieren der Zielgruppe
  • Akkuverbrauch testen
  • Datenverbrauch
  • Berechtigungen testen bzw. verweigern und dann testen
  • Sensoren testen
  • An verschiedenen Orten testen (Realbedingungen)
  • Datenschutzversprechen hinterfragen
  • Mit unterschiedlichen Geräten und Betriebssystemen testen
  • Testen von Unterbrechungen (plötzlicher Anruf oder dgl.)
  • Unterschiedliche Netzwerkverbindungen (Mobile Daten zu WLAN oder umgekehrt oder wechsel zu Offline/Flugmodus und wieder zurück)
  • Eingabemöglichkeiten / Bedienerfreundlichkeit

Testen mit Schummel-Zettel – Heuristiken 

Die weitere Aufgabe bei unserem Projekt bestand darin, die App mithilfe von Heuristiken zu testen. Dabei handelt es sich um Standard-Tests, die man bei Apps anwenden kann. Sehr hilfreich hierfür sind sogenannte Cheat Sheets und dabei konnten wir auf das Mobile-Testing Cheat Sheet von Daniel Knott zugreifen

Dabei ist es auch immer wichtig, das Gerät, und Informationen dazu (Akkustand, Freier Speicher, …), die Version des Betriebssystems und die Softwareversion anzugeben, welches verwendet wurde.

Zuerst habe ich die Heuristiken im Bereich der “Mobile Networks” getestet. Diese finde ich bei einer App sehr wichtig, da es öfter zu einem Wechsel kommt und Apps hier problemlos funktionieren sollen.

 

Tabelle 1: Heuristiken – Mobile Networks

Der zweite Bereich, der mir wichtig erschien, war zu testen, ob die App problemlos funktioniert, wenn es zu Unterbrechungen (Interruptions) während der Nutzung kommt.

 

Tabelle 2: Heuristiken – Unterbrechungen

Danach entschied ich mich dafür zu testen, was passiert, wenn ich während der Nutzung gewisse Änderungen am Smartphone, zum Beispiel in den Wechsel in den Darkmode, vornehme.

Tabelle 3: Heuristiken – Änderungen am Smartphone während der Nutzung

Und abschließend stellte ich mir die Frage, was passieren wird, wenn ich in der App die Berechtigung für den Zugriff auf die Kamera verweigere. Dieser Bereich ist ja für die Nutzung des Barcode Scanners nötig.

 

Tabelle 4: Heuristiken – Berechtigung ablehnen

Mit Szenarien die Software von verschiedenen Blickwinkeln kennenlernen

Eine gute Möglichkeit, um eine Software aus verschiedenen Blickwinkeln zu erforschen ist die, des Szenario-basierten Testens. Hierbei überlegt man sich verschiedene Szenarien von den Hauptnutzergruppen und testet dann diese Szenarien.

Hier habe ich zwei Beispiele meiner getesteten Szenarien angeführt:

Szenarien

Herr B., 37 Jahre alt, möchte endlich sein leichtes Übergewicht in den Griff bekommen. Dazu lädt er sich die App MND herunter. Er möchte sein Körpergewicht und seinen Körperfettgehalt eintragen, um diesen grafisch darstellen zu lassen.

    1. Öffnen und anmelden in der App
    2. Auf das Burgermenü klicken
    3. Im Unterpunkt “Daten und Statistiken” klickt er auf “Körperfettgehalt”
    4. Er klickt auf das + Symbol, um einen neuen Eintrag anzulegen
    5. Er gibt einen Wert von 25 % ein und belässt das Datum und die Uhrzeit und klickt auf “Hinzufügen”
    6. Der Messwert ist nun in der Darstellung sichtbar
    7. Er geht auf den Pfeil zurück
    8. Klickt nun auf “Körpergewicht”
    9. Klickt auch hier auf das + Symbol
    10. Er gibt 85 kg ein, Datum und Uhrzeit bleiben unverändert und klickt auf “hinzufügen”
    11. Er sieht nun auch seine Eingabe in der grafischen Darstellung.

Frau S., 24 Jahre alt, hat sich die App heruntergeladen, da sie mehr auf ihre Ernährung und Trinkgewohnheiten achten möchte. Dazu gibt sie jetzt ihre Trinkmenge konsequent ein. Sie trinkt meistens aus einem Glas mit einem Fassungsvermögen von 350 ml.

    1. Sie öffnet die App und meldet sich an
    2. Sie klickt unten auf das Tropfen-Symbol
    3. Sie sieht die Grafik in Form eines Trinkglases und darunter und daneben ein paar voreingestellte Mengen (+400 ml, + 200ml, + 300 ml und +500 ml). Da ihre Größe nicht dabei ist, gibt sie oben den Wert von 350 ein und fügt ihn mit dem + Symbol hinzu.
    4. Alle 2 Stunden öffnet sie die App, um eine weitere Menge einzugeben. Doch jedes Mal muss sie die Menge oben ändern.
    5. Hier wäre es praktisch, wenn man seine Standard-Trinkmenge selbst einstellen könnte und so einen Button hätte, der dies dann immer anzeigt.

Zu zweit Testen bringt auch viele Vorteile

Ein weiterer Aspekt, den wir bei unserer nächsten Aufgabe zu berücksichtigten, ist der, dass vier Augen meistens mehr sehen als zwei und dass gemeinsames Testen auch Spaß machen kann.

Daher habe ich eine Pair-Testing Session mit meinem Kollegen Georg durchgeführt, um einen Bereich der App gemeinsam unter die Lupe zu nehmen.

Dabei haben wir uns den Bereich “Ernährungsplan” in der App genauer angeschaut. Da wir beide in diesem Bereich eher Laien sind und diese App damit wirbt hier einen Mehrwert generieren zu können, haben wir uns diesen Bereich ausgesucht.

Dabei haben wir einen neuen Ernährungsplan erstellt, uns mit Heuristiken bei der Namensvergabe dieses neuen Plans ausprobiert, die Datumsfunktion und die Darstellung der Grafiken angesehen und auch die Logik hinter den Einstellungsmöglichkeiten betrachtet. Wir konnten feststellen, dass es möglich ist einen erstellten Ernährungsplan zu ändern und zu löschen, doch ist diese Funktion etwas versteckt (man muss den Namen des erstellten Plans in der Übersicht nach links wischen) und ohne vorherigen Hinweis etwas umständlich zu finden.

Wenn man dann für den Ernährungsplan die einzelnen Tagespläne erstellt, ist dies ziemlich aufwendig und für Laien nicht gerade einfach zu bewerkstelligen

Insgesamt wirkt die App für einen Anfänger in diesem Bereich nicht besonders ansprechend und überladen. Es dauert recht lange bis man sich hier wirklich gut auskennt und das Layout ist nicht gerade einladend gestaltet. Wir waren uns beide einig, dass wir aufgrund dieser Feststellungen diese App für diese Zwecke nicht nutzen würden.

Testing mit dem Coach

Zu guter Letzt gab es noch einen sehr gelungenen Workshop, bei dem uns unser Coach Jakob gezeigt hat, wie er hier beim Testen vorgehen würde.

Dabei haben wir dieses Mal den Schwerpunkt auf den Bereich “Ernährungs- und Aktivitätsziele” gelegt. Erstmal aus der Sicht eines erfahrenen Nutzers im Bereich Gesundheit und Fitness und dann aus der Sicht eines Anfängers.

Für die Berechnung der BMR Formel stehen verschiedene Auswahlmöglichkeiten verschiedener Berechnungsmethoden zur Verfügung, jedoch kann ein Nutzer hier die Kalorien nicht selbst anpassen. Dies mag für einen Anfänger gut sein, ein erfahrener Nutzer würde hier jedoch vielleicht ein Manko sehen.

Im nächsten Schritt überprüften wir die Berechnung der täglichen Anpassung für das Wochenziel von der Abnahme von 1 kg. Hierbei stellten wir fest, dass hier ein Wert von 1100 kcal vorgegeben ist. Die Recherche hat jedoch ergeben, dass hier in der Fachliteratur 1000 kcal einzutragen wäre.

Ebenfalls wurden die Makronährstoffe unter die Lupe genommen. Unser Fazit: Ein erfahrener Nutzer könnte hier durch gewisse Einschränkungen dazu tendieren, die App nicht zu verwenden.

Für einen Anfänger könnten im Bereich der Makronährstoffe die Erklärungen nicht verständlich genug sein, sowie gewisse Einstellungsmöglichkeiten sind nicht wirklich plausibel. Diese Aspekte, sowie die generelle Unübersichtlichkeit und Überladenheit der App sind für Neulinge in diesem Bereich eher abschreckend.

Mein Fazit

Bei diesem Projekt konnte ich wieder viel neues Wissen erwerben. Es war spannend, ein reales Produkt, welches gerade entwickelt und vor kurzem erst gelauncht wurde, unter die Lupe zu nehmen und zu testen. Da es sich hierbei auch noch um eine Mobile Anwendung handelt, war es vom Lernfeld noch mal um einiges größer.

Wir konnten diese App aus vielen verschiedenen Blickrichtungen untersuchen und gemeinsam, sei es zu zweit oder bei den Workshops, viele neue Aspekte betrachten.

Es ist eine wichtige Eigenschaft als Tester, wenn man alles hinterfragt. Man sollte nicht einmal die verwendeten Berechnungsmethoden und die dafür verwendeten Formeln und Zahlen als korrekt ansehen, sondern auch hier einen guten und kritischen Blick drauf werfen. Das ist es wohl, was einen guten Tester ausmacht, sich viel Wissen über das spezielle Thema aneignen, alles zu hinterfragen und ein gutes Gespür dafür zu haben, wo man nach gewissen Fehlern sucht.

Rupert Pfister

Rupert Pfister

Software Test Engineer

Rupert hat eine Ausbildung in Umwelttechnik und Landwirtschaft abgeschlossen, mit Matura (Abitur). Die letzten 16 Jahre hat er als Versuchstechniker in einer Forschungsanstalt für biologische Landwirtschaft gearbeitet. Hierbei hat er schon Bekanntschaft mit Datenbanken, VBA und SQL Programmierung und dem Erstellen einfacher Programme für die Forschungsergebnisse gemacht.