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Ein Sprint ganz im Zeichen der Fitness

Zehn Wochen ist es her, dass ich meine ersten Schritte auf dem Weg zum Software-Tester getan habe. Ich bin inzwischen nicht nur um einiges schlauer und habe Begriffe wie „Validierung”, „Function tours” und „Usability” in meinen täglichen Wortschatz aufgenommen, sondern gewinne auch mit jedem weiteren Tag an Erfahrung.

Der vierte Sprint in unserer Schulung war in dieser Hinsicht ganz besonders bereichernd: Zum ersten Mal mussten wir einen Test für einen echten Kunden durchführen! Dieser Kunde ist der Entwickler Christoph John, der derzeit an der App „My Nutri Diary” arbeitet. Sie wird bereits im Google Play Store sowie im App Store zum Download angeboten, ist aber längst noch nicht ausgereift. Daher wurde unser Tester-Team von der Qcademy damit beauftragt, die App einmal auf Herz und Nieren zu testen. Eine spannende Sache!

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​Schritt 1: Lerne dein Testobjekt kennen!

Bevor es jedoch ans Testen ging, sollten wir erst einmal unser Testobjekt kennenlernen. Ich hatte noch nie von „My Nutri Diary” (MND) gehört, also machte ich mich an die Recherche. Im Internet fanden sich nur sehr wenige Quellen und die meisten deckten sich in ihrem Informationsgehalt. Auf der Webseite zur App gab es nur wenige Informationen, aber zum Glück lieferten die Social-Media-Kanäle und die Beschreibung im Play Store alles Wissenswerte über MND.

Laut eigener Angabe handelt es sich hier um das „führende Ernährungs- und Fitnesstagebuch”. Und in der Tat klingt die App durchaus vielversprechend: Sie soll dem Nutzer dabei helfen, seine Fitness- und Ernährungsziele zu erreichen. Zu diesem Zweck verfügt MND über zahlreiche Funktionen, wie etwa ein Ernährungstagebuch über die zugeführten Nährstoffe, die Dokumentation der Kalorienaufnahme und -verbrennung, die Berechnung des BMR (Basal Metabolic Rate, zu Deutsch: Ruheenergieverbrauch) oder die Analyse des Trinkverhaltens. 

Diese Recherche gab mir eine gute erste Vorstellung, was es mit der MND-App auf sich hat. Nun wurde es Zeit für einen direkten Test!

Erkunden der App – Was kannst du eigentlich?

Ich lud mir die App herunter und begann prompt mit einer Function-Tour: Welche Funktionen bot die App von der Registrierung bis zur Fertigstellung des Nutzerprofils? Wie sich herausstellte, waren das eine ganze Menge. Die ersten Schritte waren schnell erledigt: Nutzerprofil registrieren, AGBs bestätigen, E-Mail verifizieren. Nichts, was ich nicht auch von anderen Apps kannte. 

Als es jedoch an die Einstellungen und die Erstellung meines Nutzerprofils ging, wurde es kompliziert. Die App wollte sehr viele Informationen haben, allen voran mein Körpergewicht und meinen Körperfettanteil. Nun gut, bei einer Ernährungs- und Fitness-App muss man solche aufdringlichen Fragen wohl in Kauf nehmen, also kramte ich meine eingestaubte Körperanalysewaage aus dem Schrank und fütterte die App mit meinen Daten. Sicherlich hätte ich auch fiktive Eingaben machen können, aber ich wollte mir die Mühe sparen zu recherchieren, welche Werte realistisch sind.

Auch forderte mich MND mehrfach auf, zwischen verschiedenen Einstellungen zu wählen. Für einige lieferte die App glücklicherweise eine Erklärung, was mir sehr gut gefiel. So konnte ich eine informierte Entscheidung treffen. Doch leider gab es nicht für alle Einstellungen solche Erklärungen. Was hat es zum Beispiel für einen Effekt, wenn ich bei der Einstellung „Sprachbasiert” auf „an” klicke? Ich wählte hier auf Gutdünken eine Option aus und hoffte, dass sich mir ihr Sinn irgendwann erschließen würde. Auch ging ich davon aus, dass ich die Einstellung später ändern könnte, wenn sie mir nicht zusagte (was sich auch bewahrheitete), daher sah ich meine Uninformiertheit hier nicht sehr tragisch.

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Meine Function Map wuchs und wuchs, gleichzeitig jedoch wurde mein Geduldsfaden immer kürzer. Es verging fast eine halbe Stunde, bis mich die App ausreichend verhört hatte und ich endlich zum Hauptmenü gelangte. 

Dieses verdiente seine ganz eigene Function-Tour, also erstellte ich eine frische Map und machte mich erneut ans Werk. Welche Funktionen ließen sich wohl im Hauptmenü finden? Ich erwartete hier Schaltflächen wie „Ernährungstagebuch”, „Fitnessziel festlegen” oder dergleichen. Stattdessen präsentierten sich mir jede Menge Grafiken. Da gab es ein Kreisdiagramm zur Aufnahme von Makronährstoffen, ein Pyramidendiagramm zur Kalorienverbrennung, ein Tachometerdiagramm zum täglichen Kalorienbedarf, ein paar Säulendiagramme … Alles wirkte sehr technisch. Ich persönlich empfand dieses Hauptmenü als nicht sehr einladend und als totaler Anfänger in Sachen Fitness und Ernährung fühlte ich mich orientierungslos. Gab es hier wirklich nichts anderes als Diagramme? 

Nicht ganz, denn wie sich herausstellte, führte ein Klick auf jede Grafik zu einer bestimmten Funktion. So brachte mich zum Beispiel ein Klick auf das Kalorienverbrennungs-Diagramm zu einer Oberfläche, bei der ich meine täglichen Aktivitäten eintragen konnte. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, welche Funktion sich hinter welcher Grafik verbarg, aber meine Function-Map erwies sich hierfür als idealer Fahrplan.

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Das Hauptmenü enthielt also doch die wichtigen Funktionen, die ich gesucht hatte: das Ernährungstagebuch, die Eingabe von Lebensmitteln sowie der dazugehörigen Kalorien und Nährstoffe, die Dokumentation meiner Flüssigkeitszufuhr und die Eingabe meiner körperlichen Aktivitäten. Es wäre mir lieber gewesen, wenn diese einfacher zu finden gewesen wären, aber ich schätze, nach ein paar Tagen wird sich ein Nutzer daran gewöhnt haben. Trotzdem könnte man überlegen, das Hauptmenü etwas intuitiver und anfängerfreundlicher zu gestalten, um den ersten Eindruck positiver zu machen. Letztendlich ist es aber begrüßenswert, dass die wichtigen Funktionen so schnell zu erreichen sind. Und wer weiß, vielleicht empfinden andere Nutzer die Diagramme als weitaus nützlicher als ich?

Die einzelnen Funktionen unter der Lupe

Es wurde Zeit, die verschiedenen Funktionen im Detail zu betrachten. Den Anfang machten die „Ernährungs- und Aktivitätsziele”, die wir in einer gemeinsamen Testing-Session mit unserem Coach Jakob unter die Lupe nahmen. Das war ein sehr bereichernder Test, weil unsere Gruppe sowohl aus Anfängern als auch Experten in Sachen Fitness bestand. Das ermöglichte es uns, die Funktion aus verschiedenen Perspektiven zu beurteilen und verschiedene erfahrungsbasierte Szenarien durchzuspielen.

Es gab ein paar Punkte, in denen die App hier Kritik einstecken musste: Für die Anfänger fehlten wichtige Erklärungen, um die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten komplett zu verstehen. Die Experten wiederum bemängelten, dass es keine Möglichkeit gab, das Kalorienziel und die einzelnen Nährstoffziele individuell anzupassen. Darüber hinaus machte die Funktion aber durchaus einen nützlichen Eindruck: Ich konnte mein Gewichtsziel definieren, mein tägliches Aktivitätslevel angeben und zwischen verschiedenen Formen der Ernährung auswählen. Auf Grundlage dieser Angaben wurde dann mein täglicher Kalorienbedarf berechnet.

Nach der gemeinsamen Test-Session standen die Heuristik-Tests an. Ich wählte 15 Heuristiken aus und testete mit diesen die App. Unter anderem untersuchte ich die verschiedenen Display-Einstellungen – Dunkelmodus, Lesemodus, Schriftgröße etc. – und dokumentierte, ob sich hinsichtlich der Darstellung oder der Lesbarkeit Veränderungen ergaben. Ich entdeckte, dass es bei der Verwendung der Schriftgrößen L, XL und XXL tatsächlich zu Problemen kam: Text und Grafiken überlappten, Wörter wurden bis zur Unkenntlichkeit abgekürzt oder komplett abgeschnitten. Angesichts der Tatsache, dass mehr als 40 Mio. Deutsche an einer Sehschwäche leiden, sollte eine App auch mit größeren Schriftgrößen kompatibel sein. 

Ich orientierte mich bei der Wahl meiner Heuristiken an einem Cheat-Sheet, machte mir aber ansonsten nicht weiter Gedanken und entschied mich planlos für die Heuristiken, die mir in dem Moment am meisten zusagten. Hier sollte ich in Zukunft gezielter vorgehen und vor allem begründen können, warum ich mich für bestimmte Heuristiken entschieden habe. Wohlüberlegte Argumente klingen für einen Product Owner sicherlich überzeugender als eine Entscheidung aus purer Laune heraus.

Bei meiner nächsten Testing-Session, dem szenariobasierten Testen, ging ich deshalb eine neue Strategie an: Anstatt dem Geschichtenerzähler in mir freie Hand zu lassen und mir die fantastischsten Szenarien auszudenken, modellierte ich meine Fälle anhand realer Personen. Mal war ich selbst – oder mein jüngeres Ich, das tatsächlich noch regelmäßig Sport getrieben hat – der Protagonist meiner Szenarien, mal waren es Freunde oder Familienmitglieder, die als imaginäre Nutzer der App herhalten mussten. Ich merkte, wie anders ich diesen szenariobasierten Test anging im Vergleich zu früheren: Zuvor hatte ich mir unbedingt kreative und clevere Szenarien ausdenken wollen, die zwar immer noch glaubhaft, aber mitunter doch recht unwahrscheinlich waren. Nun wusste ich es besser und begnügte mich mit einfacheren, realitätsnahen Szenarien. 

Diese zu testen war mindestens genauso ergiebig und ich entdeckte viele positive Aspekte an der App. Es gab auch Dinge, die noch eine kleine Nachbesserung vertragen konnten, und ich schickte mehrere Berichte an den Entwickler. Nicht jede meiner Beobachtungen traf auf Zustimmung, aber die meiste Zeit erhielt ich ein sehr dankbares Feedback. Zu wissen, dass ich mit meinen Tests einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der App leistete, war ein schönes und sehr motivierendes Gefühl!

Ich hatte nun schon allerhand von MND kennengelernt, doch eine Funktion hatte ich bisher nicht näher untersucht: den Ernährungsplan. Darum wurde dieser zum Testobjekt meiner letzten Testing-Session der App. Diesmal handelte es sich um eine Pairing-Session, die ich zusammen mit Patricia durchführte. Wir zogen den Test als User-Tour auf und ließen unsere imaginäre Protagonistin „Gittricia” ihren eigenen Ernährungsplan erstellen. 

Patricia und ich gaben ein tolles Team ab und obwohl uns die Ernährungsplan-Funktion ordentliches Kopfzerbrechen bereitete, hatten wir auch viel Spaß. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass jeder Ernährungsplan aus mehreren Tagesplänen zusammengestellt werden muss. Wir saßen hier ein paar Missverständnissen auf, aber letztendlich schafften wir es doch, einen Ernährungsplan für „Gittricia” aufzustellen. 

Wir erstellten eine ausführliche Dokumentation über unsere User-Tour, merkten sowohl positive als auch negative Beobachtungen an und gaben mehrere Vorschläge für Verbesserungen.

Mit dieser letzten Session endete für mich die Erkundung der My-Nutri-Diary-App. Es war eine sehr spannende Testreihe, ich habe sehr viel gelernt und ich hatte erstmals die Gelegenheit, direkt mit dem Entwickler eines Testobjekts zu kommunizieren.

Ich kann nicht behaupten, plötzlich ein begeisterter Nutzer von Fitness- und Ernährungs-Apps zu sein, aber ich werde in einigen Monaten bestimmt mal wieder in „My Nutri Diary” reinschauen. Wer weiß, wie sich die App bis dahin entwickelt hat. Vielleicht wird ja sogar der eine oder andere Vorschlag von mir in die Tat umgesetzt.

Gitte Hartung

Gitte Hartung

Softwaretesterin in Ausbildung

Gitte hat Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert und den Master-Abschluss erworben. Seit 2017 arbeitet sie als Online-Redakteurin und verfasst Ratgeber, News-Artikel und Pressemitteilungen.